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29. Juni 2018

Programmierte Gewinne?

Sie schießen wie Pilze aus dem Boden und haben klangvolle Namen: Scalable, Vamoo, Liquid – oder schlicht ROBIN. Die Rede ist von sogenannten Robo-Advisorn oder zu deutsch digitalen Vermögensverwaltern. Ihr Versprechen: Mit Hilfe computergesteuerter Anlageentscheidungen mehr aus dem Geld der Kunden zu machen. Wieso auch nicht? Schließlich sind Maschinen seit dem Sieg des IBM-Computers Deep-Blue im Jahr 1996 über den damaligen Weltmeister Garri Kasparow nicht nur die besseren Schach-Strategen. Sie berechnen heute auch hochkomplexe Systeme beispielsweise für die Wetter-Prognose. Und in nicht all zu ferner Zukunft werden sie uns zuverlässig durch den Straßenverkehr steuern. Warum also sollten Computer nicht auch die besseren Investoren sein, zuverlässige Börsen-Prognosen erstellen und ein Depot schwankungsarm an ein Rendite-Ziel steuern können?

Theorie und Praxis

Theoretisch klingt das gut. Praktisch ist jedoch Skepsis angebracht. Schließlich ist der Einsatz von Computerprogrammen in der Vermögensverwaltung nicht so neu, wie der aktuelle Hype um Robo-Advisor Glauben machen könnte. Institutionelle Anleger nutzen entsprechende Programme bereits seit Jahrzehnten beim Managen ihrer eigenen Vermögen. Dummerweise mit nur mäßigem Erfolg, wie das schlechte Abschneiden vieler Hedgefonds oder die Pleite der Investment-Bank Lehman Brothers belegen. Und dass nun ausgerechnet Deutsche Bank und Commerzbank mit ihren Robo-Advisorn ROBIN und Cominvest das Kundenvermögen mehren wollen, kann schon etwas irritieren. Wieso sollten zwei Banken, die sich in der Finanzkrise selbst in großem Stil mit windigen US-Hypothekenkrediten verzockt und gemessen an ihren Aktienkursen seit 2007 über 90% ihres eigenen Vermögens vernichtet haben, nun das Computerprogramm für tolle Kundengewinne entwickelt haben?

Programmierter Herdentrieb

Ohnehin hat der Versuch, die Börse mit Hilfe von Computern zu berechnen, einen wesentlichen Haken: Bei der Berechnung ihrer Zukunfts-Prognosen beziehen sich die Programme auf Vergangenheits-Daten. Dummerweise führt das an der Börse zu pro-zyklischem Verhalten. Nach einem langen Börsenaufschwung mit wenig Rückschlägen attestieren die Programme dem Aktienmarkt regelmäßig eine geringe Volatilität bzw. ein geringes Risiko – und erhöhen entsprechend die Aktienquoten. Kollektiv so geschehen um die Jahrtausendwende in den Portfolien der Versicherer. Nach einem Crash kommen die Programme auf Basis der dann vorliegenden neueren Daten hingegen zu dem Ergebnis, dass Aktien volatil und riskant sind – und senken entsprechend die Aktienquoten. So geschehen in der letzten größeren Korrektur Anfang dieses Jahres bei mehreren Robo-Advisorn. Mit anderen Worten: Computer verfallen wie Menschen auch regelmäßig dem Herdentrieb.

Börse nicht berechenbar

Aufgrund des hohen Automatisierungsgrades und der Geschwindigkeit, mit der computergesteuerte Systeme dies tun, können Kursschwankungen an der Börse von ihnen sogar noch verstärkt werden und ganz neue Probleme verursachen. Beim weltweit größten Robo-Advisor, dem US-Unternehmen Betterment, führte die Börsenkorrektur gar zu einem zeitweisen Ausfall der Systeme, so dass Kunden mitten im Crash nicht mehr auf ihre Depots zugreifen konnten. Letztlich braucht es zur Beurteilung des Hypes um die Robo-Advisor jedoch gar keiner Überlegungen zur Funktionsweise komplexer Algorithmen. Es reicht der logische Menschenverstand. Um es frei nach Warren Buffett zu sagen: „Die Börse lässt sich nicht berechnen. Ansonsten würde sich die Liste der reichsten Menschen der Welt aus Mathematik-Professoren zusammensetzen. Das tut sie aber nicht.“

Fazit:

Computergesteuerte Anlageprogramme – ob nun als Portfolio-Managment-Systeme bei Hedgefonds, Banken und Versicherungen oder als hippe Robo-Advisor für den Kleinanleger – können eine überzeugende Anlagestrategie nicht ersetzen. Wer, wie wir im IAC, global gestreut in 50 der größten Firmen der Welt investiert, kann damit so falsch nicht liegen. Vor allem aber ist an der Börse eine simple Strategie einer komplexen regelmäßig überlegen, weil sie es einem als Anleger leichter macht, auch in turbulenten Zeiten seine Überzeugung zu behalten. Oder wie Buffet sagt: „Investiere nur in Dinge, die Du verstehst.“ Hochkomplexe Computer-Algorithmen gehören für die meisten Anleger sicher nicht dazu. Wer trotzdem beim Hype um die Robo-Advisor dabei sein will, für den könnten darum am Ende nicht die Gewinne, sondern vielmehr die zukünftige Enttäuschung vorprogrammiert sein.

Mit besten Grüßen

Ihr

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Joerg Wiechmann

ist Geschäftsführer der TOP Vermögensverwaltung und des Itzehoer Aktien Clubs. Sein Spezialgebiet sind internationale Qualitätsaktien. Er lebt derzeit in Hamburg und Itzehoe. Jörg publiziert ca. einmal pro Monat auf goldgeldwelt.de.

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