Prognosen aus der Glaskugel

Ophirum Marktbericht

Es ist Januar und damit wieder die Zeit für unzählige Jahresausblicke und Kursvorhersagen. Alles was in der Finanzwelt Rang und Namen hat schickt sich an, das kommende Jahr bestmöglich vorherzusagen um ihren Lesern (oder schlechteren Falls sich und ihrem Auftraggeber) einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Beachtung und Verbreitung in der Presse finden dabei natürlich weniger die kleinen „Börsenbrieflinge“, sondern vor allem die bekannten Big Player an den Finanzmärkten von den großen Investmentbanken und Fonds bis hin zum IWF und den Zentralbanken. Doch selbst ganze Abteilungen voller gut ausgebildeter Volkswirte können meiner Meinung nach für das kommende Jahr kaum verlässlichere Vorhersagen liefern, als dies ein tiefer Blick in die Glaskugel vermag.

Ich möchte damit keineswegs die Analysten in Verruf bringen, von denen mit Sicherheit ein Großteil im Rahmen der verfügbaren Daten einen exzellenten Job erledigt. Aber für verlässliche Prognosen braucht man vor allem eines: Konstante Rahmenbedingungen – und genau die gehen Jahr für Jahr zusehends verloren und haben Ende 2016 ihren langjährigen Tiefpunkt erreicht. Um diese wachsende Unsicherheit überhaupt in mathematische Modelle zwingen zu können, müssen die Experten daher entscheidende Variablen entweder stark vereinfachen, als konstant annehmen oder in ihren Berechnungen schlicht weglassen.

Wie sollte man auch einmalige Großereignisse wie beispielsweise den Brexit, einen möglichen Euro-Austritt Italiens oder Frankreichs oder das drohende Platzen einer Finanzblase einkalkulieren, wenn es keinerlei vergleichbare Präzedenzfälle gibt, an denen man sich orientieren könnte? Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht unbedingt im Interesse des Prognostikers liegt, Risiken in ihrer vollen Tragweite zu kommunizieren; sei es um die eigenen Anleger nicht zu verunsichern oder weil die Gefahr besteht, durch die Verbreitung der schlechten Nachrichten die Krise überhaupt erst auszulösen. So hat beispielsweise Goldman Sachs noch Anfang 2008 steigende Börsenkurse auf Jahressicht vorhergesagt, obwohl die Immobilienkrise bereits in vollem Gange war und deren Zerstörungspotential der Investmentbank dank der eigenen Risiken sehr gut bekannt gewesen sein muss.

Ein aktuelleres Beispiel ist die Präsidentschaft Donald Trumps, der am 20. Januar ins Amt eingeführt wird. Noch vor der Wahl galt seine protektionistische Politik unter Börsianern einhellig als unkalkulierbar und schädlich, doch mittlerweile sind sogar erklärte Gegner auf den Zug der Optimisten aufgesprungen und setzen große Hoffnungen auf die Trumponomics. Dabei ist weder sicher, ob er seine Vorhaben wie angekündigt umsetzen kann, noch ob die erhofften Effekte jemals eintreten.

Zumal der dann erwartete Anstieg der Inflation in den USA höhere Zinsen für Anlagen in US-Dollar nach sich ziehen würde. Bei einer globalen Verschuldung, die zum Jahreswechsel mit 217 Billionen US-Dollar auf kaum tragbare 325 Prozent der globalen Wirtschaftsleitung angeschwollen ist, darf man getrost von einer gefährlichen Kreditblase sprechen, die durch jede noch so kleine Zinsanhebung der Leitwährung implodieren könnte. Ein Risiko, dass man schlichtweg nicht in Zahlen fassen kann und das von daher auch in kaum einer Analyse ausreichend Beachtung findet.

Wen wundert es da noch, dass die Analysten und Anleger sich vermehrt auf die einzige Konstante zurückflüchten, auf die in den letzten Jahren immer verlass war: Die Rettung der Märkte durch die Zentralbanken und den Staat mit Hilfe von unbegrenzten Mengen frischen Geldes und neuer Schulden. Eine Tatsache, die uns der jüngste Bail-out der Monte dei Paschi di Sienna durch den italienischen Staat (entgegen der erst kurz zuvor in Kraft getretenen Europäischen Bail-in-Regeln für marode Banken) unmissverständlich vor Augen geführt hat. Doch gleich einem Dorn im Fuß, welcher sich entzündet, weil man ihn zu ziehen scheut, verschwinden diese Fehlentwicklungen nicht einfach. Sie werden lediglich auf den Steuerzahler und in die Zukunft verlagert, wo sie in Form von Inflation und Staatsschuldenkrisen zu weit schmerzhafteren Verwerfungen führen.

Auch wenn uns die Krisen der Vergangenheit zeigen, dass die Zentralbanken und Staaten nicht immer fähig oder bereit sind, jede Krise im Keim zu ersticken, wage ich daher dennoch für Sie eine Prognose für Gold und Silber: Geht es mit den geld- und fiskalpolitischen Marktunterstützungen weiter wie bisher, werden die knappen Edelmetalle den unvermeidlichen Wertverlust unserer Währungen mehr als ausgleichen. Endet diese Rettungspolitik jedoch, gleich ob geplant oder im Kontrollverlust, werden Gold und Silber sich als von unschätzbarem Wert für ihre Besitzer erweisen – ganz gleich welcher offizielle Kurs dann an den Terminmärkten notiert sein mag.

Ihr

 

 

 

Sönke Mißfeld

Sönke Mißfeld ist Filialleiter des Edelmetallhändlers Ophirum GmbH in Hamburg und publiziert als Autor auf goldgeldwelt.de.

Die Ophirum GmbH ist ein deutscher Edelmetallhändler mit einem umfangreichen Onlineangebot und mehreren Filialen in Deutschland, in denen Anleger ihre Edelmetalle direkt und anonym im Tafelgeschäft erwerben können und kompetent beraten werden. Mit einem Abonnement des Goldgeldwelt-Newsletters von goldgeldwelt.de erhalten Sie ca. alle zwei Wochen einen Marktbericht von Sönke Mißfeld. Den wöchentlich erscheinenden Newsletter „Ophirum Marktbericht“ mit weiteren Experten können Sie hier abonnieren.

Hinterlasse einen Kommentar

Schreibe den ersten Kommentar!

Kommentar verfassen

wpDiscuz