Investment Inspirationen

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13. Mai 2018

Künstliche Intelligenz – Gefahr oder Geschenk?

Wissen Sie, was ich an den Käufern physischer Edelmetalle so mag? Sie denken sehr langfristig, sind zumeist recht bodenständig, tragen oft eine angemessene Portion Misstrauen in sich und sind so gut wie nie bei ihrer Entscheidung von Gier getrieben. Kaum ein Käufer saß mir je gegenüber und hat mich nach den kurzfristigen Gewinnchancen beim Gold und Silber gefragt (obwohl diese durchaus erwähnenswert sein können). Die meisten hoffen sogar, zu Lebzeiten nicht mehr darauf zugreifen zu müssen – diese Sicherheit eines Tages an ihre Kinder und Enkel vererben zu können.

Ich nehme diese generationenübergreifende Denkweise als sehr angenehmen und wichtigen Gegenpol zu einer sich ständig beschleunigenden und immer komplexer werdenden Welt war. Seit ich vor drei Jahren selber zum Vater geworden bin, versuche auch ich mir diese Sicht der Dinge anzugewöhnen und damit meiner Verantwortung für die nächsten Generationen etwas gerechter zu werden. Es geht eben nicht nur darum, im Hier und Jetzt das Maximum an Komfort und Konsum für das eigene Ego ohne Rücksicht auf das Morgen und die Mitmenschen zu erkämpfen. Beim Gedanken an die eigenen Kinder oder Enkel erhalten Begriffe wie Vorsorge oder Nachhaltigkeit gleich einen wesentlich höheren Stellenwert.

Doch wer richtig vorsorgen will, muss sich überhaupt erst einmal um die richtigen Probleme und Veränderungen Sorgen machen. Ich weiß, bei dem schönen Wetter fällt das besonders schwer, aber glauben Sie mir: es lohnt sich. Leider verlieren wir bei dem permanent wechselnden Schlagzeilengewitter in den Leitmedien nur all zu leicht den Blick für das „Big Picture“, von dem ich heute einen bestimmten Ausschnitt in Ihren Fokus rücken möchte. Ich verspreche, mich auf nur eine der vielen großen Zukunfts-Sorgen zu beschränken und Sie am Ende mit vorsichtiger Zuversicht in diesen herrlich frühen Sommeranfang zu verabschieden.

Die technologische Entwicklung hat mittlerweile eine Geschwindigkeit und Tragweite erreicht, unter der sämtliche Gewohnheiten und Strukturen gesellschaftlichen Miteinanders in Frage gestellt werden müssen und viele zusammenzubrechen drohen. Der bereits unvorstellbare Wandel in der Lebens- und Arbeitsweise zwischen meiner und den Generationen meiner Eltern und Großeltern wird mit Sicherheit noch um ein Vielfaches durch den unglaublichen Sprung zur Altergruppe der jetzt Kleinsten in den Schatten gestellt werden.

Während meine Großmutter auf einem fast gänzlich selbstversorgendem Hof aufwuchs und kein Telefon zuhause hatte und meine Eltern weder Fernseher noch Internet in Ihrer Kindheit „konsumierten“, wird meine Tochter wie selbstverständlich in einer vollständig digitalisierten und globalisierten Welt aufwachsen. Ihr Auto (sofern man die Pesonentransportkapseln der Zukunft dann noch so bezeichnet) wird autonom fahren und (hoffentlich) keine fossilen Brennstoffe mehr zum Vortrieb benötigen. Ihr Kühlschrank wird selbstständig Lebensmittel nachbestellen sowie bezahlen und Heimroboter die lästige Hausarbeit (wie) im Fluge erledigen.

Diese fast schon utopisch klingende Zukunftsvision ist wesentlich näher, als man vermuten könnte (solange die Menschheitsentwicklung nicht durch Weltkriege oder ähnlich fatale Katastrophen spürbar ausgebremst wird). Die Hardware ist bereits zu großen Teilen vorhanden und die Software wird sich als logische Folge der Künstlichen Intelligenz (KI) exponentiell fortentwickeln.

KI bahnt sich genau in diesem Moment mit aller Macht ihren Weg aus dem Reich der Science Fiction in die reale Welt. Die besten Jeopardy- und Schach-Spieler mussten sich bereits Computern geschlagen geben. Wer sich noch daran festhält, dass wir bei den hoch Komplexen Eigenschaften wie Kreativität, Moral und Emotionalität uneinholbar wären, der überschätzt unsere Einzigartigkeit in meinen Augen deutlich. Am Ende ist unser Gehirn nichts anderes als ein Computer mit Speichern und Prozessor, Impuls und Nicht-Impuls, Einsen und Nullen. Unser Betriebssystem liegt in den Genen, die restliche Programmierung wird im Laufe des Lebens erlernt. Bei der Rechen- und Speicherkapazität sind uns die Maschinen bereits jetzt weit voraus und die Programmierung ist fast soweit. Nur die Seele wird fehlen – aber über deren Bedeutung und Existenz lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten.

Das Problem daran ist, dass diese intelligenten Maschinen uns nicht nur ergänzen und nahezu unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen, sondern uns gleichzeitig in Hochgeschwindigkeit ersetzen und unsere körperliche wie geistige Arbeitskraft in weiten Teilen überflüssig machen. Während die technologischen Errungenschaften der Vergangenheit die Arbeitswelt nur radikal transformierten, ist es dieses Mal jedoch anders: Die Maschinen werden nicht nur in einigen Teilbereichen besser als der Mensch sein, sondern in fast allen! Sie werden schneller, präziser, ausdauernder, stärker, intelligenter und gebildeter sein, benötigen keine Pausen, kein Essen und kein Schlaf und werden nicht krank. In der arbeitsteiligen kapitalistischen Konsumgesellschaft werden KI und Robotik nach und nach die meisten Aufgaben besser und kostengünstiger erfüllen und den fehlerbehafteten Faktor Mensch zuerst (wie bereits in vollem Gange) gänzlich aus der Produktion und dann auch zu weiten Teilen aus dem Dienstleistungssektor verdrängen.

Auch wenn es in Bereichen wie beispielsweise Kunst, Management und zwischenmenschliche Dienstleistungen natürlich Ausnahmen geben wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass die breite Masse ihre Einkunftsmöglichkeiten binnen weniger Jahrzehnte verlieren wird. Wären die Profite aus diesem Fortschritt gerecht verteilt, gäbe es dabei kein Problem. Ganz im Gegenteil hätte die Menschheit dann endlich die Möglichkeit, sich endgültig von dem notwendigen Übel zu befreien, für den eigenen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Wir könnten uns ganz unseren Hobbies und Interessen widmen, während die Maschinen alle unangenehmen Tätigkeiten für uns erledigen.

Leider basiert unser aktuelles System noch in weiten Teilen auf den Erfordernissen des 18. Und 19. Jahrhunderts und ist damit für diese Entwicklung völlig ungeeignet. Der Besitz am Produktivkapital ist extrem schlecht verteilt und die Einkommensschere driftet (unteranderem genau wegen der hier beschriebenen Entwicklung) unaufhaltsam weiter auseinander. Solange die wenigen Gewinner dieses Systems weiterhin so viel Einfluss auf die politischen Entscheidungen haben, wie bisher, habe ich nur wenig Hoffnung auf eine rechtzeitige Kurskorrektur.

In der Folge wird ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung Abhängig vom Wohlwollen dieser besitzenden Minderheit. Deren mangelnde Bereitschaft zur notwendigen Umverteilung zeigt sich jedoch sehr deutlich an den ausgeprägten Steuervermeidungsstrategien von Milliardären und Konzernen. Verlieren die Menschen jedoch ohne Kompensation ihre Einkommen aus Arbeit, kommt es unweigerlich zu extremen sozialen Spannungen. Im Gegensatz zu früher gibt es dann nur leider das Druckmittel der Arbeitsniederlegung nicht mehr – die Gewerkschaften würden in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Mit den Einkommen bräche natürlich auch die Schuldentragfähigkeit der Haushalte weg. Kredit- und Bankenkrisen nach dem Vorbild der Finanzkrise von 2008 wären die logische Folge und könnten, wie in der Vergangenheit, wahrscheinlich nur durch beherztes Eingreifen der Staaten und Notenbanken unter Kontrolle gehalten werden. Ich glaube diese Stelle kennen Sie bereits und ich kann getrost abkürzen: Crashartiger Systemzusammenbruch oder inflationäre Entwertung der Schulden und Sparguthaben sind im Grunde die einzigen realistischen Szenarien. Unser fragiles Kreditgeldsystem verträgt es schlichtweg nicht, wenn einem Großteil der Schuldner und Konsumenten ihre Einkünfte verloren gehen. Das ist der wahre Grund, warum wir uns nie wirklich von der Finanzkrise erholt haben und auch von den nächsten Krisen nicht nachhaltig erholen können, solange wir an diesem Geld- und Finanzsystem festhalten.

Meine größte Hoffnung ist, dass die „Eliten“ diese Zusammenhänge ebenfalls erkennen, sich zumindest vorerst von ihren aktuell zu kurzfristigen und rein profitorientierten Anreizsystemen trennen. Allein schon des sozialen Friedens wegen und zur Aufrechterhaltung der eigenen Profitquellen sollten sie die notwendige Umverteilung zu den Konsumenten sehr aktiv befürworten. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte für die oben beschriebene Problemstellung ein durchaus realistischer Lösungsansatz sein. Besser wäre natürlich eine fairere Verteilung des Eigentums und ein modernes am Gemeinwohl orientiertes Wirtschaftssystem, aber damit drifte ich wahrscheinlich wieder zu weit ins Reich der Utopien ab.

Die totalen Untergangsszenarien aus Hollywood, in der die Künstliche Intelligenz uns Menschen versklavt oder gar vernichtet erspare ich Ihnen lieber. Es reicht festzuhalten, dass wir schlichtweg keine Ahnung haben, was ein selbstdenkendes und überlegenes digitales Supergehirn mit der Menschheit anstellen würde, wenn es außer Kontrolle geriete. Da ohne Zweifel sehr viel Forschung in diesem Bereich zu militärischen und geheimdienstlichen Zwecken erfolgt, kann sich dieser Evolutionssprung durchaus auch zum Nachteil der breiten Massen entwickeln. Langfristig orientierte Vorsorge scheint jedenfalls bei all diesen Gefahren und Ungewissheiten mehr als angebracht.

Für meine Familie erhoffe ich mir natürlich einen anderen Weg. Wir können diese Entwicklung sicher nicht mehr aufhalten, aber sehr wohl kontrollieren und zum Nutzen der Gesellschaft instrumentalisieren. Richtig eingesetzt, könnte dieses Geschenk endlich die überalterten Strukturen korrigieren und uns in ein digitalisiertes Zeitalter des nachhaltigen Wohlstandes führen. Hierzu bräuchte es allerdings dringend einen ehrlichen und zielgerichteten öffentlichen Diskurs, den ich bisher fast gänzlich vermisse. Ich hoffe dazu mit diesem Artikel einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.

Ihr Sönke Mißfeld

Sönke Mißfeld

ist Filialleiter des Edelmetallhändlers Ophirum GmbH in Hamburg. Seine Spezialgebiete sind physische Edelmetallinvestments und das wirtschaftspolitische big picture. Sönke lebt derzeit in Hamburg und publiziert ca. alle zwei Wochen Artikel auf goldgeldwelt.de.

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