Die Brexit-Show (Ophirum Goldbericht)

Brexit

Konnten Sie es auch spüren? Dieses wohlige Gefühl der Sicherheit, welches es mir bei all der Aufregung in den vergangenen Wochen ermöglichte, mich entspannt zurück zu lehnen und die „Show“ zu genießen? Dann haben Sie offensichtlich ebenfalls einen ausreichenden Teil Ihres Vermögens mit Edelmetallen abgesichert. Diese machen derzeit nämlich genau das, was sie in unsicheren Zeiten tun sollen: Sie steigen im Kurs und gleichen damit steigende Risiken und Verluste in anderen Vermögensklassen aus. Im Juni konnten Gold mit 11 und Silber mit 19 Prozent beeindruckende Kursgewinne verbuchen und ihre in Schock erstarrten Kritiker damit wieder einmal zum Nachdenken in die „Stille Ecke“ verbannen.

Sönke MißfeldWer jetzt denkt, dass das Einzelereignis Brexit für diese Anstiege verantwortlich sei, hat die Grundlagen des Spiels offensichtlich noch nicht verstanden: Gold und Silber steigen im Kurs, weil unser Geld immer mehr an Kaufkraft verliert. Die Zentralbanken retten unser überschuldetes Kreditgeldsystem, indem sie direkte Staats- und Unternehmensfinanzierung aus der Notenpresse betreiben. Andernfalls würden diese Kredite ausfallen und die Abschreibungen die Banken und mit Ihnen den Rest der Finanzwirtschaft in die hoch deflationäre Krise treiben. Bisher haben diese ungedeckten Billionen vor allem die Anleihe-, Immobilien- und Aktienmärkte aufgebläht, weshalb die im Konsum- und Verbrauchsgüterbereich gemessene Inflationsrate diesen Wertverlust nicht widerspiegelt. Relativ zu der stark wachsenden Geldmenge sind Gold und Silber damit trotz der jüngsten Kursgewinne immer noch extrem unterbewertet.

Wie erwartet entpuppte sich die Panikmache der „Bremainer“ im Vorfeld des Votums, zumindest an den Aktienmärkten, vorerst als heiße Luft und die Verluste vom viel prophezeiten „Tag des jüngsten Gerichts“ konnten in vielen Bereichen erstaunlich schnell wieder wett gemacht werden. Wie sollten die Analysten und Investoren bereits jetzt die diffusen Auswirkungen eines Austritts einpreisen, welchem noch monatelange Verhandlungen vorrausgehen und der, wenn überhaupt, erst ca. 2018 schrittweise umgesetzt werden würde? Zumal sich auf dem Börsenparkett inzwischen der widersinnige Grundsatz „Bad news are good news“ verbreitet, bei dem die Hoffnung auf weitere Liquiditätsspritzen die Kurse trotz schlechter Nachrichten stabil hält oder sogar weiter nach oben treibt.

Objektiv betrachtet ist der Brexit nur ein weiteres, verhältnismäßig unbedeutendes Glied in der Kette aus unkalkulierbaren Risiken, die sich zusehends enger um den Hals der Mainstream-Anleger schnürt. Die Krise der Öl-Exporteure, die schwache Weltkonjunktur, die gigantische Kreditblase in China und die drohende Bankenkrise in Europa sind wesentlich gewichtigere Beispiele für die Vielzahl an Fehlentwicklungen, die vom Markt, in blindem Vertrauen auf die ewige Rettung durch die Zentralbanken, wissentlich ignoriert werden. Und möglicherweise tun sie recht daran, scheint es doch die immer gleiche Antwort auf all diese Probleme zu geben: Geldpolitische Lockerung – und die stützt bekanntlich vor allem die Kapitalmärkte, solange diese noch an die Wirksamkeit der Maßnahmen glauben.

Es ist gut möglich, dass der freiwillige EU-Austritt der Briten in den kommenden Monaten als willkommener Sündenbock für einige dieser hausgemachten Krisenherde und das vorangegangene offensichtliche Politikversagen herangezogen wird. Das Setting dafür ist jedenfalls perfekt: Der Schock sitzt tief. Die Proteste, Verhandlungen und rechtlichen Verwirrungen werden noch Monate andauern. Die Unsicherheit unter den Analysten und Anlegern ist in Folge der auffällig negativen Darstellung in den Medien weiterhin groß. Der EU droht der Verfall, die nächsten Referenden werden bereits gefordert. Und Schuld an allem ist nur der engstirnige, englische Rentner, der von Populisten manipuliert wurde und damit bewiesen hat, dass direkte Demokratie gefährlich und schädlich sein kann.

Einen auffällig plumpen Versuch gab es dann auch sogleich in Italien, wo mit der Veneto Banco bereits die zweite Regionalbank vor dem akuten Zusammenbruch gerettet werden musste. Die zur Beruhigung gedachten 5 Milliarden Euro aus dem privaten Rettungsfonds, Atlante, sind damit schon zwei Monate nach seiner Gründung im April nahezu aufgebraucht und es drohen weitere Abschreibungen in dreistelliger Milliardenhöhe. Die schlechte wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre hat einen Turm an faulen Krediten in den Büchern der italienischen Banken angehäuft, um den sich bisher keiner zu kümmern wagte und der nun einzustürzen droht.

Als hätte die italienische Regierung nur darauf gewartet, wurde wenige Stunden nach dem Brexit auf außergewöhnliche Umstände plädiert, um die gerade erst in Kraft getretenen Regeln der EU für die Gläubigerbeteiligung (Bail-in) in solchen Fällen zu umgehen. Die so erhofften 40 Milliarden direkter Staatshilfen (Bail-out) wurden jedoch von der regeltreuen deutschen Regierung vorerst abgelehnt. Nun denkt Premier Renzi laut über einen Alleingang nach und riskiert damit die Europäische Bankenunion. Das diese erst vor zwei Jahren mit genau dem Ziel der Ordnung und Stabilisierung des Europäischen Bankensystems beschlossen wurde und nun beim ersten Praxistest zu scheitern droht, zeugt nur eine weiteres Mal von politischer Realitätsferne und Hilflosigkeit.

Zeitgleich hat die EU, ohne großes Aufsehen, 150 Milliarden an staatlichen Garantien für solvente italienische Banken genehmigt. Hier muss die Frage erlaubt sein, ob bei der sich zuspitzenden Lage überhaupt noch ein italienisches Institut unter dieses Kriterium fällt. Beruhigend auf die verunsicherten Finanzmärkte dürfte diese Maßnahme allemal wirken und genau das wird auch die vordergründige Intention gewesen sein. Noch beruhigender wirkt natürlich, dass der italienische EZB Präsident Mario „whatever it takes“ Draghi am Ende jedes noch so große Loch mit frischen Euros auffüllen wird.

Wenn man das inflationäre Ende dieser Show schon kennt, verkommt der spannende Krimi zur vorhersehbaren Tragödie. Ich hoffe, Sie können sich ebenfalls halbwegs entspannt dabei zurücklehnen, auch wenn es wahrscheinlich kein Happy End geben wird.

Ihr

Sönke Mißfeld

Dieser Artikel wurde in Kooperation mit der Ophirum GmbH veröffentlicht, einem führenden Edelmetallhändler in Deutschland (hier geht’s zum Onlineshop). Für spannende wöchentliche Analysen von Sönke Mißfeld und anderen Experten empfiehlt goldgeldwelt.de ein Abonnement des Ophirum Goldberichtes.

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