Die Finanzindustrie lädt zur Karussellfahrt ein

„Willkommen und hereinspaziert auf dem Jahrmarkt der Kapitalanlagen!“ So oder ähnlich tönt es, wenn die Marktschreier der Finanzindustrie mal wieder um Kunden buhlen. Tatsächlich gleicht der Gang mit dem Ersparten an den Kapitalmarkt in vielerlei Hinsicht einem Kirmes-Besuch: Selbsternannte Wahrsager bieten einen Blick in die Glaskugel – gegen satte Honorare versteht sich. Teure Börsenbrief-Abos lassen grüßen. Haben Anleger sich dann für ein Investment entschieden, heißt es: Bitte anschnallen! Die Achterbahnfahrt der Börsenkurse kann jeden Moment beginnen. Und zum Ein- und Ausstieg wird bekanntlich nicht geklingelt.

Schwindelig kann es einem auch hier werden: auf dem Fonds-Karussell. Das beginnt gerade wieder Fahrt aufzunehmen. Den nötigen Schwung erhält es vom Kursanstieg der letzten Jahre. Wurden im ersten Quartal 2016 laut Thomson Reuters Lipper hierzulande noch 94 neue Fonds aufgelegt, dürfte diese Zahl in den ersten drei Monaten 2017 erstmals seit langem wieder dreistellig ausfallen. Dumm nur: Zwar preisen die Anbieter ihre neuesten Fonds regelmäßig mit spannenden Storys an und locken so die Anleger auf das Fonds-Karussell. Denen steht aber mit ihren neuen Fonds meist nur eine kurze Fahrt bevor. Laut einer Studie der Rating-Gesellschaft Scope überleben rund ein Drittel aller Fonds nicht einmal ihr drittes Lebensjahr. Die durchschnittliche Lebensdauer aller hiesigen Aktienfonds beträgt gerade mal 7,5 Jahre. Ziemlich wenig für eine Anlageform, die schon laut den gesetzlichen Warnhinweisen als langfristiges Instrument gedacht ist und dem Anleger meist einen Anlagehorizont von 5 bis 10 Jahren abverlangt.

Verluste für die Anleger

Anders als für die Anbieter sind neue Fonds für die Anleger daher oft nicht nur ein kurzes, sondern häufig auch verlustreiches Vergnügen. So geschehen um die Jahrtausendwende, als Deka & Co. auf dem Höhepunkt der Technologieblase mit ihren frisch aufgelegten Technologie-Fonds Milliarden einsammelten. Oder 2007, als auf dem Höhepunkt der China- und BRIC-Euphorie neue Fonds auf Schwellenländer wie Pilze aus dem Boden schossen. Oder 2011, als mitten im Goldrausch zahlreiche Fonds auf Rohstoffe und Edelmetalle das Licht der Welt erblickten. In allen Fällen flossen den Anbietern in ihren neuen Fonds erst Milliarden zu. Dann platzten die Modetrends und Anleger verloren bis zu 90 % ihres Geldes. Viele Fonds wurden letztlich mangels Erfolg wieder aufgelöst. Welcher Fondsanbieter will schon einen Fonds mit katastrophaler Kurshistorie in seinem Produktportfolio durchschleppen? Erst recht, wenn der Fonds durch Kursverluste und Mittelabflüsse kaum noch Volumen aufweist? Allein im Jahr 2009, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte, nahmen die Anbieter hierzulande über 600 Fonds vom Markt und warfen die Anleger damit unfreiwillig zu Tiefstkursen aus ihren Fonds.

Das Fonds-Karussell dreht sich also schon seit eh und je – doch es nimmt gerade wieder Fahrt auf: Nicht nur die Anzahl der Fonds-Neuauflagen steigt. Auch die Marktschreier werden wieder mehr: Vor wenigen Tagen gab die Ergo-Versicherung bekannt, 6.000 ihrer Versicherungsvermittler zu Fondsverkäufern umschulen zu wollen. Auch die Fondsgesellschaften der Sparkassen und Volksbanken, Deka und Union, sind jüngst wieder verstärkt in der TV-Werbung vertreten, nachdem sie dort einige Jahre fast von der Bildfläche verschwunden waren. Da werden Erinnerungen wach an die Jahrtausendwende: Damals verkauften schon einmal scharenweise Versicherungsvertreter Fonds. Und Sparkassen brachten im großen Stil Telemedien-Fonds an ihre Kunden und bescherten denen damit ein Waterloo.

Fazit:

Bleiben Sie darum kritisch, wenn Ihnen TV-Spots, Hochglanzprospekte oder Ihr Bank- oder Versicherungsvertreter aktuell mal wieder neue Fonds-Ideen schmackhaft machen wollen. Gute Anlagestrategien werden selten neu erfunden, sondern existieren meist schon seit Jahrzehnten. So wie beispielsweise unsere seit 1998 bewährte Strategie der internationalen Qualitätsaktien im IAC. Die feiert im kommenden Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum und hat den durchschnittlichen deutschen Aktienfonds damit schon fast um den Faktor drei überlebt. Das Fonds-Karussell hingegen dreht sich nicht zum Nutzen der Anleger, sondern einzig im Interesse der Fonds-Anbieter.

Mit besten Grüßen
Ihr

Jörg Wiechmann ist Geschäftsführer des Itzehoer Aktien Clubs (IAC) und Vorstand der TOP Vermögensverwaltung AG und publiziert als Autor auf goldgeldwelt.de.

Mit über 3.000 Mitgliedern und mehr als 50 Mio. Euro ist der Itzehoer Aktien Club der größte Aktienclub Deutschlands. Die TOP Vermögensverwaltung managed vielfach ausgezeichnete Fonds mit einem Gesamtvolumen von über 200 Mio. Euro. Anlageschwerpunkt sind global und sektorübergreifend diversifizierte Qualitätsaktien.

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